Die Soester jüdische Gemeinde

Die Vorortfunktion Soests im östlichen Herrschaftsbereich des Kölner Erzbischofs führte schon früh zu Beziehungen Kölner Juden nach Soest. Ein Jude Meyer de Susato, also aus Soest, und seine Frau lebten um 1250 in Köln. Vom Beginn des 14. Jahrhunderts sind Schutzgeldzahlungen Soester Juden an den Landesherrn nachgewiesen, und 1330 zahlten drei jüdische Familien Schutzgeld an die Stadt. Bis 1350 sind hier zwanzig Familien belegt. Vermutlich wegen der europaweiten Pogrome wegen der Pest-Epidemien 1350 wird auch in Soest die jüdische Gemeinde ausgelöscht worden sein.
Erst am Anfang des 16. Jahrhunderts waren wieder Juden in Soest. Bis 1665 erteilte der Soester Rat zwei jüdischen Familien gegen erhebliche Geldzahlungen hier ein Aufenthaltsrecht. Danach besteuerte der neue Landesherr, der brandenburgische Kurfürst, auch die Soester Juden, deren Zahl weiterhin auf zwei Familien begrenzt blieb.
Auf Grund der Gesetze der französischen Militärregierung ab 1809 und des preußischen Emanzipationsedikts von 1812 zogen ab 1809 weitere jüdische Familien nach Soest. Die Gemeinde konstituierte sich 1819, weihte 1822 ihre Synagoge und Schule ein, die 1938 durch die Nazis zerstört wurden. Die Gemeinde zählte 1880 einschließlich einiger Familien in Bad Sassendorf und Lohne 326 und 1932 noch 192 Mitglieder.
Der Terror der Nazis gegen die Juden begann wie überall im Reich schon Anfang März 1933: Am 9. März 1933 und erneut am 30. März wurden auch hier jüdische Geschäfte boykottiert. Bald danach wurden zwei bei der Stadtverwaltung angestellte Brüder, weil sie eine jüdische Mutter hatten, aus dem Dienst entlassen. Am 31. Juli 1933 verbot der Soester Bürgermeister den ihm untergebenen Dienststellen und städtischen Einrichtungen, in Zukunft in jüdischen Geschäften einzukaufen.
Im März 1934 wurden einige Soester, darunter die Mitinhaberin des Kaufhauses Rosenbaum, von SA-Leuten mit umgehängten Schildern durch die Stadt getrieben, weil sie angeblich den Führer oder die Hakenkreuzfahne beleidigt hatten.
Der Terror setzte sich fort bis zu seinem ersten unvorstellbaren Höhepunkt am 9./10. November 1938, als auch in Soest SS- und SA-Männer die Synagoge und die jüdische Schule in der Osthofenstraße 50 - 52 niederbrannten.
Danach wurden auch hier die Juden ihres Besitzes beraubt und in Zwangsunterkünften zusammengepfercht, im Juli 1942 in eine Baracke außerhalb der Stadt transportiert und bald danach über Dortmund nach Osten in die Vernichtungslager deportiert.

     Das stattliche Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert ist Osthofenstraße Nr. 48. Danach folgt links die jüdische Schule Osthofenstraße Nr. 50. Dahinter, nicht sichtbar, stand etwas zurückgesetzt und nicht unmittelbar an das nächste Haus angrenzend die Synagoge, Osthofenstraße Nr. 52. Auch weil beide Gebäude der Soester jüdischen Gemeinde nicht unmittelbar an ihre Nachbarhäuser gebaut waren, wurden sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis zerstört.

Kaum nachdem ich als neuer Stadtarchivar mein Amt in Soest angetreten hatte, begann Wilfried Buß mit seinen Untersuchungen zur Geschichte der Soester Juden, die er Ende 1971 mit einer 484-seitigen Examensarbeit einschließlich eines umfangreichen Anhanges abschloss. Wilfried Buß war der erste, der sich auch mit der Verfolgung der Soester Juden durch die Nazis befasste und einige Ergebnisse vorlegte. Seine Arbeit konnte damals nicht veröffentlicht werden, wurde aber später in 50 Exemplaren vervielfältigt und an größere Archive und Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen und an nationale und internationale Zentren zur Erforschung der jüdischen Geschichte verteilt.
Als sich 1978 der Pogrom von 1938 zum 40. Mal jährte und überregionale Institutionen und Zeitungen zu einem besonderen Gedenken aufforderten, habe ich in den Soester Tageszeitungen das zusammengefasst, was bis dahin über die Soester Juden in der NS-Zeit bekannt war. Als der Rat der Stadt im nächsten Jahr beschloss, an dem Haus, das in den 1950er Jahren in der Osthofenstraße 50 - 52 gebaut worden war, eine Gedenktafel anzubringen, war der Stadtarchivar gefordert, weitere Forschungen anzustellen und eventuelle neue Ergebnisse zur Geschichte der Soester Juden in der Nazi-Zeit zu veröffentlichen.
Es entstand die einfache, in Form von Kopien vorgelegte 151-seitige Dokumentation "Die Verfolgung der jüdischen Mitbürger in Soest während des Dritten Reiches" (Nr. 17 der Soest- Bibliographie).
Sie deckte weitere erschreckende Einzelheiten auf und machte den Soestern bewusst: Auch hier ist etwas mit unseren jüdischen Nachbarn geschehen, was unsere Vätergeneration verdrängt hat, was aber unbedingt aufgeklärt werden muss.
In den Jahren danach konnte das Stadtarchiv viele Kontakte zu Soester Juden knüpfen, die als Kinder oder junge Leute vor 1938 oder kurz danach aus Deutschland hatten flüchten können. Einige von ihnen besuchten auch auf Einladung der Stadt Soest ihre Geburtsstadt und übergaben dem Stadtarchiv viele Fotos und Dokumente. Dieses Material hat das Stadtarchiv 1988 zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge und der Schule vor 50 Jahren in einer Ausstellung gezeigt.
Die Stadt Soest errichtete aus diesem Anlass einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof am Nottebohmweg.

    Die Synagoge, die hier zufällig teilweise mit abgebildet ist, ist durch die Gestaltung ihrer Fenster als Gotteshaus zu erkennen.

Die dem Stadtarchiv zugänglichen Quellen zur Geschichte der Juden in der Nazi-Zeit wurden im Laufe der Jahre immer zahlreicher. Ein großer Teil der Soester Opfer konnte aus dem vom Bundesarchiv 1986 veröffentlichten Gedenkbuch mit ungefähr 120. 000 Namen identifiziert werden. So war es mir möglich, in der Soester Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest 1992 zur Erinnerung an die Deportationen der Soester Juden in die Vernichtungslager 1942 eine umfangreiche Namenliste der ermordeten Soester Juden vorzulegen (Nr. 45).
Die Vorbereitungen zur Text- und Bilddokumentation über den Soester jüdischen Friedhof, die 1993 erschien, haben zu einer anstrengenden und zeitaufwendigen Quellenforschung motiviert: Ich habe in wenigen Monaten aus den Soester Standesamtsregistern und anderen Quellen versucht, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Soest von 1700 bis 1942, bis zur Deportation und Ermordung, zu ermitteln.
Im Band über den jüdischen Friedhof von Michael Brocke (Nr. 49) sind die Ergebnisse veröffentlicht. Die Opfer des Holocaust habe ich hier wie schon in meinem Beitrag in der Soester Zeitschrift 1992 besonders hervorgehoben.
Als bisher letzte Publikation zur Geschichte der Soester Juden erschien 2001 ein 64-seitiges Heft mit dem Titel "Jüdische Nachbarn in Soest bis 1942 - Ein Stadtrundgang". Ulrike Sasse-Voswinckel und ich haben sie im Auftrag des Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest zusammengestellt (Nr. 73). Diese populäre Dokumentation ist reich bebildert und wird für eine geringe Schutzgebühr von 2,50 Euro in den Soester Buchhandlungen und in der Tourist-Info abgegeben. Sie kann auch von der Geschäftsstelle des Vereins im Stadtarchiv Soest angefordert werden.
Im Band 4 (Teil 2) der Reihe "Soest in alten Bildern" werde ich nochmals die Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger durch die Nazis im Kontext mit ihren anderen Verbrechen behandeln.
In meinem Beitrag in der Soester Zeitschrift 112 (2000) über Soester NSDAP-Funktionäre und ihre Schuld und Strafe (Nr. 68 der Soest-Bibliographie) bin ich auch auf die Beteiligung von SA- und SS-Leuten beim Niederbrennen der Synagoge und der jüdischen Schule eingegangen. Denn einige von ihnen konnten von den Aliierten vor Gericht gestellt werden.
Die Stadt Soest hat sich in Zusammenarbeit mit dem Verein für Geschichte und Heimatpflege Soest bemüht, die Leidensgeschichte ihrer jüdischen Mitbürger während der Verfolgung und Vernichtung durch die Nazis zu erforschen und zu dokumentieren. Die nach dem Zweiten Weltkrieg demokratisch organisierte Stadt Soest hat damit zu den zeitbegrenzten finanziellen "Wiedergutmachungen" gleich nach 1945 zumindest versucht, auch eine zeitlose ideelle und moralische Schuld anzuerkennen, vor allem aber Aufklärung zu leisten.
Das 288 Seiten umfassende Buch von Michael Brocke: "Der jüdische Friedhof in Soest" zusammen mit dem Beitrag von Gerhard Köhn: "Die jüdische Gemeinde Soest" ist 1993 in der Westfälischen Verlagsbuchhandlung Mocker & Jahn, Soest, mit der ISBN 3-87902-040-X erschienen und über den Buchhandel zu erwerben.

Eine Teilansicht des jüdischen Friedhofs in Soest, fotografiert 1988 von Andreas Hemstege für das Buch "Der jüdische Friedhof in Soest" (Nr. 49 der Soest-Bibliographie).



Startseite
Glückstadt
Soest
   Stadtportrait
   30jähriger Krieg
   Jäger von Soest
   Philippsessen
   Armbrust
   Kirmes
   Juden
   Alt-Soest
   Bibliographie
Download
Linkseite
Kontakt