Der Jäger von Soest - ein Romanheld aus dem 30jährigen Krieg wird zur Symbolfigur der StadtDer "Abentheurliche Simplicissimus" ist ein sogenannter Schelmenroman. Er ist die in der Ich-Form erzählte Lebensgeschichte eines heimatlosen Abenteurers, der in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges als mehr oder weniger freiwilliges Mitglied der unterschiedlichen Heerhaufen 1636 auch nach Soest verschlagen und hier, eingekleidet mit einem grünen Rock, bald der Jäger von Soest genannt wird.Der Roman erschien 1668 mit der Jahreszahl 1669. Der Verfasser nennt sich German Schleifheim von Sulsfort. Erst 1837 gelang es der Forschung, dieses Pseudonym zu entschlüsseln und als Autor den bedeutendsten deutschen Barockdichter Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen zu identifizieren. Grimmelshausen, der 1621 im hessischen Gelnhausen geboren wurde und 1676 in Renchen starb, nennt seinen Helden Simplicissimus in 28 Kapiteln seines Romans den "Jäger von Soest". Dieser muss am Jakobitor Wache stehen, er kennt das silberne Kruzifix in St. Patrokli, das der "Große Gott von Soest" genannt und 1770 aus der Kirche gestohlen wurde und er isst mit Schwierigkeiten im Kloster Paradiese den Soester Pumpernickel. Er begegnet Daniel Rollin von St. Andre, der von 1635 bis November 1637 Kommandeur der Festung Lippstadt war, dem Generalfeldzeugmeister Graf von der Wahl, der sich 1637 in Soest aufhielt, und er dient einem Dragoner als Pferdejunge, der zum Leibregiment des bayerischen Feldmarschalls Graf Johann von Götz gehört. Götz eroberte am 19. September 1636 Soest und nahm hier sein Winterquartier. Er ist noch im Januar 1637 hier nachgewiesen. Es ist deshalb nicht daran zu zweifeln, dass der Dichter Grimmelshausen persönlich in den Jahren 1636 und 1637 in Westfalen und in Soest war. Aber alles, was er seinen Romanhelden in und um Soest erleben und berichten lässt, sind erfundene Geschichten. Denn der Autor hat in seinem "Abentheurlichen Simplicissimus" nicht Geschichte und auch keine Autobiographie geschrieben, sondern einen Roman. Die geschichtlichen Vorgänge, die er zum Teil mit erlebt, zum Teil zeitgenössischen, gedruckten Berichten wie dem mehrbändigen "Theatrum Europaeum" entnommen hat, sind für ihn der Hintergrund, auf dem sich die erzählten Vorgänge ereignen. Der Jäger von Soest hat, wie Simplicissimus selber sagt, in Soest mit "Fressen und Saufen", schönen Jungfrauen im Kloster Paradiese und vielem gestohlenen Geld ein genießerisches Leben geführt. Der junge Grimmelshausen aber hat tatsächlich, wie die Akten des Stadtarchivs und die von mir daraus 1998 erarbeitete Chronik "Der Dreißigjährige Krieg in Stadt und Land, zum Beispiel in Soest und der Soester Börde" beweisen, ebenso wie alle Einwohner und wie seine Kameraden in einem ziemlich verwüsteten Soest gehungert und gefroren. 1976 wurde zur Erinnerung an den 300. Todestag Grimmelshausens in Münster eine große und anschließend daraus in Soest eine kleine Ausstellung gezeigt. Ende 1975 war schon ein vierteiliger Fernsehfilm, von dem der zweite Teil "Jäger von Soest" hieß, im Zweiten Deutschen Fernsehen gezeigt worden. In diesem Film, der z. T. in Soest gedreht worden war, hatten viele Soester als Statisten mitgewirkt. Zwar war der Jäger von Soest hier auch vorher schon hin und wieder präsent gewesen, seit 1976 aber begleitet er leibhaftig die Soester das ganze Jahr über. Die Redaktion der Soester Zeitung Westfalenpost kürte in diesem Jahr zur Soester Allerheiligenkirmes den Jäger von Soest zur Symbolfigur und zum Begleiter der damaligen Bürgermeisterin bei offiziellen Veranstaltungen. Jedes Jahr zur Kirmes wird seitdem ein junger Mann eines Vereins, einer Initiative oder einer anderen Gruppierung ausgewählt und mit einem Kostüm verkleidet. Inzwischen gibt es schon weit über zwanzig Jäger von Soest außer Diensten, die sich im Club ehemaliger Jäger organisiert haben und in weiten Pluderhosen in den Stadtfarben weiß und rot mit dem Soester Wappen, dem Schlüssel, bei Stadtfesten, Hansetagen und ähnlichen Volksbelustigungen auffällig die Kulisse bereichern und die Soester vertreten. Die ehemaligen Soester Bördeköniginnen, die jeweils im Mai eines Jahres gekürt werden, haben sich den ehemaligen Jägern angeschlossen und begleiten diese bei deren Auftritten. 1936 fand in Soest der 17. Westfalentag des Westfälischen Heimatbundes statt, auf dem die Soester die Volksoper "Der Jäger von Soest" von Carl Alexander Raida (1853 - 1923) aufführten, die 1887 eine zeitlang in Berlin gezeigt worden war. Zu diesem Anlass krönte ein in Blech geschnittener Jäger von Soest einen eisernen Bogen, der die Jakobistraße dort überspannte, wo das alte Tor gestanden hatte.
Auf dem Kongress "Freude und Friede - Weltkongress für Freizeit und Erholung" im Juli 1936 in Hamburg begleiteten der berittene Jäger mit einigen Landsknechten in historischen Uniformen einen mit Soest-Motiven geschmückten Wagen. Hier wurde der Jäger von Soest also schon als Symbolfigur eingesetzt, was aber vorerst keine Fortsetzung fand. In den 1950er Jahren veranstalteten die Soester Fechter Turniere um die Trophäe "Jäger von Soest". 1959 verwendeten die Soester Briefmarkenfreunde die Figur für einen Sonderstempel. 1972 veranstaltete die Stadt Soest einen Plakatwettbewerb für die Allerheiligenkirmes. Den Zuschlag erhielt der Entwurf mit einer vor Freude hüpfenden barocken Figur mit federbesetztem Hut, in der die Soester ihren Jäger wieder erkannten. Er wirbt seitdem alljährlich auf Plakaten, auf Bierdeckeln oder Kirmesprospekten. Inzwischen prangt der Jäger auch von einer Soester Schützenvereinsfahne und von Autobussen. 1949 wurde eine Straße in einem Neubaugebiet nach Grimmelshausen benannt. Inzwischen gibt es zur Erinnerung an den 30jährigen Krieg und an den Jäger von Soest in unserer Stadt das Springinsfeld und den Graf-Götz-, den Marketender-, Gelnhausen-, Oberkirch-, Landsknecht-, Simlicissimus-, Jägerken-, Tilly-, Piccolomini-, Wallenstein-, Pappenheim-, Einsiedel-, Schweden- und den Westfälischer-Friede-Weg. Keines der Ereignisse des 30jährigen Krieges hat neben dem Westfälischen Frieden von 1648 in Westfalen ein solches Nachleben gefunden wie der Aufenthalt Grimmelshausens in Soest. ![]() Club ehemaliger Jäger von Soest und ehemaliger Bördeköniginnen als Marketenderinnen mit dem Jäger von Soest 1994/95, der Börderkönigin 1995/96. Die Gruppe wirbt für Soest auf Stadtfesten im In- und Ausland. (Foto: Günther Röing, Soest)
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